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10 Stunden auf Todesflucht vor dem Wasserteufel

Datum: November 16, 2008 12:53:26 PM
Autor: Otto Hegnauer
Kategorie: Verschiedenes: Weltweit

Meine folgenden Erinnerungen fand ich wiederauftauchen in "Hugo Nünlist, Abenteuer im Hölloch", Huber Verlag Frauenfeld 1960, S.165-188 u.a., "Die 10stündige Flucht". Es ist der 28.Dezember 1955. Auf diesen Tag war seit langem der grosse Vorstoss geplant. Der Vorstoss durch den Pagodensee am entferntesten Ort des Höllochs. Wir sind wie üblich an Weihnacht eingestiegen und schon ein paar Tage im Forschungsgebiet, 10 Forscher voll ausgerüstet und einsatzbereit im SAC-Biwak II. Im Laufe der Jahre hatten wir an geschützten, erhöhten Stellen eine Kette von Biwaks errichtet. Diese dienten nicht nur wie jetzt als Ausgangspunkte für Vorstösse und Forschungen, sie waren auch als überflutungssichere Rettungspunkte bei Wassereinschlüssen vorgesehen. In grossen Fässern wurde Karbid (Licht), Benzin, Konservennahrung und Rettungsmaterial gelagert und regelmässig kontrolliert und umgesetzt. Für derlei Arbeiten wurden Massen von Trägern benötigt, die wochen- und monatelang vor Weihnacht mit ihren Arbeiten beginnen mussten. Dazu gehörte nicht nur die erwähnte Pflege der Biwaks, sondern auch die technische Vorbereitung und Sicherung der geplanten Transportstrecken immer tiefer in den Berg hinein. Da so zum Beispiel Boote an Seen, Strickleitern und Seile in Wänden, Schlafsäcke und Überlebensmittel in den Biwaks bereits vorbereitet waren, konnten die stets wenigen aktiven Forscher ihr Gebiet zügig erreichen und ein paar Tage lang arbeiten. Die freundlichen Helfer rekrutierten sich grossenteils aus SAC- und Pfadfindergruppen und arbeiteten sich zu immer "besseren" Erlebnissen und schliesslich bis zum "Höhlenforscher" empor.

Ja, die Zeit wo man mit einem Filzhut am Kopf, einer Stollenlampe angehängt und 4 Ovo-Sports in den Taschen 50stündige Vorstösse (und länger) durchhielt, und dies ohne Schlafrast und ohne etwas Warmes, war längst vorbei, und mit den jeden Winter wachsenden Dimensionen der Riesenhöhle explodierten auch die Anforderungen an die Gepäckmenge. So war es vorgesehen, aber diesmal kam es anders. Abmarsch ist um 10 Uhr. Nach Durchkrampfen einer verschütteten Senke bemerke ich zynisch, wie wir zu Brei zerstampft würden, wenn eine Deckenplatte sich hier löste. Da Martin Keller kränkelt und zurückbegleitet werden muss, sind wir nur noch sechs die vorstossen. Der Vorstoss ist auf dreissig Stunden geplant, wir sind schwer beladen mit Seilmaterial, Leitern und einem Boot. Die Wetteraussichten sind lausig. Hier und da strudelt ein Wasserguss, aber der Dreiecksee vor dem Umbradom zeigt nichts Auffälliges. Vor dem Quellstollen teilen wir uns in zwei Gruppen und machen uns an die Arbeit: Bruno, Heinz und ich vermessen Quellstollen und die Seitengänge zwischen Pagode und Pagodensee, Alfred und Res übernehmen die Verästelungen des oberen Pagodengangs. Hans, Fred und Hugo ziehen weiter und konzentrieren sich auf Wasserveränderungen. Der Tropfenzähler am Sinterfaden ist gleich geblieben, der vor der Sackgasse tickt schwach. In der Mulde unter dem Absturz zirpen gemütlich einige Wassertupfen. Aber der Kluftbach des Pagodengangs ist schon beim Pfeiler hörbar, und das ist zu früh. Er prescht ungehalten auf die Gangsohle und schwabbelt wie letztes Jahr durch die Sickerrrinne hinunter. Der Rauschbach aus dem Kolkstollen scheint gutartig. Nach mehr als acht Stunden rastet die Gruppe abgekämpft am Pagodensee, wo alles ruhig ist.
Das Boot leckt und muss geflickt werden. Gegen 19 Uhr steigt Hugo als Erster ein und rudert ins Dunkel. Er bleibt in der Enge erstmal stecken. Schliesslich gelingt der Durchschlupf, und die andern folgen. Sie finden einen mächtigen bis 12 Meter breiten und neun Meter hohen leicht abwärts ziehenden, blank gescheuerten Gang, übertürmt von senkrechten grossartigen Schloten. Gegen 21 Uhr taucht der neue Gang ins Karstwasser unter und dir drei kehren zurück. Auf dem Rückweg wollen sie noch einen kleinen Nebenstollen erkunden, aber dort beginnt es um 22.15 Uhr erschreckend zu poltern. Rasch bumst es von allen Seiten, auch auf dem Rückweg wo es doch vorher totensill war. Das Poltern schwillt unerbittlich an, artet zu Trommelwirbeln und Paukenschlägen aus, der Berg wird lebendig. Wassereinbruch im hintersten, tiefsten und aktivsten Teil der Höhle der grössten der Welt !!! Wassermassen krachen aus den vorher trockenen Schloten herab. Um 23 Uhr gelingt knapp die Bootdurchfahrt. Aber die andern sind nirgends. Wir können sie nicht zurücklassen. Ersaufen wir jetzt wie die Ratten ?

Indessen fotografieren Bruno Baur, Heinz Kuhn und ich ahnungslos an der Pagode. Endlich finden uns hier die Kameraden und rennen an uns vorbei: "Wassereinbruch, nicht fragen, nachrennen !" Das meiste Material ist zurückgelassen. Wir hetzen Bäche hinauf, wo vorher keine waren. Unser nächstes Ziel war die Trughalle, mit etwa 800 m der nächste erhöhte Punkt. Davor gibt es aber noch äusserst kritische Gefahrenpunkte, wie dei Schlickstollen und andere. Der Tropfenzähler im Wassertrog wird über Durchbruch oder Rückzug entscheiden. Gott und Pluto stehen uns bei, unglaublich dass der hinterhältige Pfuhl noch passierbar ist ! Nach dem Durchbuddeln können wir endlich über die Quaderwälle zur Trughalle hochsteigen.
Mitternacht, Ankunft in der Trughalle, kurze Rast und erster kurzer "Kriegsrat". Wir möchten erstmals etwas Nahrung hinabwürgen, aber alle Kehlen sind ausgedörrt. Noch nie hat jemand erlebt, wie und wo in den hintersten Abschnitten der Berg lebendig werden kann. Ein schwerer Entschluss: den Durchbruch zum Biwak II zu versuchen, der Preis wäre des Einsatzes wert. Im Falle einer erzwungenen Rückkehr wäre der Umbradom ein mögliches Ziel. Ausser einer Reepschnur von 10 Metern Länge haben wir nichts - hingegen hängen noch einige Hilfsmittel vor Ort. Also los !

Wir preschen vorwärts, durch nie gesehene Bäche, durch zornig einstürzende Schlotwasserfälle, durchsteigen neue Weiher und Seen, in triefendnassen Kleidern und Schuhen, was tut's. Der SAC-Gang ist noch totenstill. Von den üblichen Tropfenzählern plaudern diesmal jedoch nicht nur Wassertropfen oder Bindfäden; ganze Bäche rauschen herab. Doch beim sonstigen Dreiecksee ist Schluss. Nach 65 Metern neuem "Fjord" taucht die ganze Decke unter. Wir bereiten uns mental darauf vor, in den Umbradom zurückzufliehen und dort wohl eine Woche lang auszuharren. Ohne Kocher und Biwakzeug, bei kargster Notnahrung.

Hugo hat einen rettenden Geistesblitz: Umweg über Versturzgang - Kiesburg, äusserst schwieriges kaum erforschtes Gelände, aber einen Versuch wert. Eine darin befindliche 40 m hohe senkrechte Wand ist nur einem von uns etwas bekannt: Bruno ist einst über sie abgeseilt, im Aufstieg wurde sie noch nie erklettert. Wir bilden vom steigenden Wasserpunkt eine Rufkette bis zur Wand hinauf und schicken die besten Kletterer ans Werk - es geht um Leben und Tod. Endlich der Ruf durch die Kette "Bruno wird es schaffen. Er ist fst oben." Wir jubeln. Dank Eisenstiften, der Reepschnur und andern Hilfsmitteln gelingt es, die ganze klettertechnisch weniger geübte Mannschaft stückweise hinaufzuhissen, an tausenden eingeschwemmter Würmern vorbei, die im Notfall unsere letzte Nahrung sein müssten. Aber wir sind endlich oben, hier könnte man sogar ausharren, geschützt, froh, lachen und plaudern wieder.

Um 05.30 Uhr ist die Kiesburg erreicht. "Drei Stunden hat uns der aufreibende Versturzgang gekostet. Ein Wunder hat sich verwirklicht" meint Hugo Nünlist. "Jetzt dürfen wir hoffen, das Biwak II zu erreichen", füge ich bei. "Was macht wohl Alfred Bögli ?" Nach einigen weiteren Überraschungen wie unbekannten Bachsäulen und steigendem See bei der Doline treffen wir nach 8 Uhr morgens nass und erschöpft im Lager ein, nach 22 Stunden Abwesenheit, 15 Stunden ohne Essen und 10 Stunden Flucht vor dem Wasserteufel. Alfred Bögli, Res Hänggi, Martin Ulrich und Martin Keller schlafen friedlich in ihren Säcken. Wir werden zwar noch einige Zeit von Styx & Co. sowie den vorderen Höhlenteilen eingeschlossen sein, doch das ist uns egal, wir sind jetzt geschützt und haben alles. Nach dem Buch Nünlists bemerkte ich: "Hugo hat uns gerettet - wir können ihm dankbar sein." Doch typisch wie er ist, schreibt er: "Das Lob freut mich, aber es ist übertrieben. Ich habe wohl die entscheidenden Anordnungen getroffen. Das Gelingen der Flucht aber ist ein Gemeinschaftswerk, bei dem keiner versagte."

(Für den Anfang der Geschichte siehe www.swissfot.ch/HTM_public_d/Basis/Presse-Das_Geheimnis_der_Hegnauerhalle.HTM ,

 

für andere Artikel von Otto Hegnauer www.swissfot.ch/HTM_public_d/Basis/Artikel.HTM )

Otto Hegnauer
www.swissfot.ch

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