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Das Geheimnis der Hegnauerhalle

Datum: November 13, 2008 08:30:09 PM
Autor: Otto Hegnauer
Kategorie: Verschiedenes: Weltweit

www.swissfot.ch/HTM_public_d/Basis/Presse-Mein_Leben_ist_Erleben.HTM

Solche Schätzungen und Rankingstatistiken sind zwar üblich, aber unsinnig, denn Höhlensysteme gehören zu Karstlandschaften, durch Erosion und Auflösungsprozesse entstandene unterirdische Entwässerungssysteme, und die gibt es weltweit vor allem in Kalkgebieten. Sowohl ihre Existenz wie auch Grösse sind erst mal unbekannt. Sie dürfen nicht nur durch Würmer und Taucher begehbar sein (und da wird oft nachgeholfen), sie müssen auch entdeckt und vermessen werden (wieder wird nachgeholfen, indem die Länge künstlicher Erschliessungsstollen dazuaddiert wird). Sie bedürfen einer wissenschaftlichen Erforschung, einer angemessenen Bekanntmachung und bei der oft üblichen touristischen Erschliessung einer genügenden Sicherung (Die Höhle von Postojna wurde sogar durch eine unterirdische Bahn erschlossen.)

In "Mein Leben ist Erleben", steht bereits, dass ich an meinem 18. Geburtstag erstmals an einer Forschungsexpedition ins Hölloch teilnehmen durfte; an diesem Tag entstand auch das in "Die Alpen" (1951 S.153 Abb.6) publizierte Foto, das mich als 18Jähriger stemmend im "Schlossgang" zeigt. Ich schildere mein vielleicht eindrücklichstes Erlebnis von damals um zu zeigen, dass exotische Erlebnisse nicht unbedingt eine Menge Geld kosten müssen. Die Todesflucht vor dem Wasserteufel war völlig gratis.

Ich schreibe dies umso lieber, weil ich nie Bücher geschrieben habe (ich habe aber deren viele gelebt und er - lebt). Erstens weil mir Schreiben zu mühsam und ich dafür zu faul war, und zweitens weil es bei meinen Forscherkameraden verpönt war, die gemeinsamen Erlebnisse "auszuplaudern". Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass man sie für sich behielt. Auch herrschte die Meinung vor, dass man durch Publizieren Lüstlinge und Voyeure erzeuge und deren Leben und das allfälliger Retter gefährde. Dasselbe galt für andere Medien. Mehrere Kollegen haben sich an das Tabu gehalten, doch entstanden auch eine Reihe von Publikationen, aus denen ich heute schöpfe. Sie ersetzen meine eigenen abgetauchten Erinnerungen und lassen diese wieder aufleben.

Am 1.Januar 1955 durften wir eine ungeahnte Überraschung erleben. Wir entdeckten im Kluftdom eine riesige Tropfsteinpagode, eine schräg anlaufende, beigebraune Sintertreppe, darüber eine gelbliche Wulstkuppel mit Dornkrone und als Abschluss von der Decke her ein zierlicher Baldachin. "Das Meisterwerk ist gesamthaft anähernd 10 m hoch und der indonesischen Pagode Thuparama-Dagoba verblüffend ähnlich." Es folgte ein Wechselbad weiterer Entdeckungen und der Gefühle: Die Fortsetzung des grollenden Donnertals blieb nur dem Wind vorbehalten, denn für das Gummiboot war die verbleibende Öffnung zu knapp. So vertrösteten wir uns auf das nächste Jahr in der Hoffnung, der Wasserspiegel sei dann niedriger und ermögliche uns die Durchfahrt.

Vor dem Verlassen der Höhle aber begab ich mich mit Fred Bögli und Res Hänggi nochmals durchs Wandloch, um mit Hilfe des Seils einen Sinterfall zu erklimmen. Er führte uns zur Westminsterhalle, wo der Klang farbiger Tropfsteine das Geläute der Abtei nachahmt - wieder ein Höhepunkt, der uns den Druck des Höhlenteufels fast vergessen liess. Das erwähnte Wechselbad der Gefühle war zermürbend. Himmlisch waren Entdeckungen wie Pagode, klingende Sintervorhänge, filigrane Spaghettistalaktiten, klangvolle Westminsterglocken, sattbunte Exzentriker (Tropfstengebilde), schneeweisse Aragonitblüten, diamantklare Kalzitrosen und rote Sinterkristalle, höllisch die zunehmenden, unverhofft auftretenden, meist unerklärlichen Laute wie Brausen, Donnern, Glucksen, Grollen, Gurgeln, Rollen, Tosen, Zischen usf. - eher an ein Seelenzertrümmerungswerk als an eine Sinfonie der Natur erinnernd. Jedenfalls verliessen Baur, Nünlist, Schönbächler und ich fieberhaft die von Todeshauch umwehte Karstwasserzone, besonders da unter dem Boden immer neue Fliessgeräusche dröhnten, die auf dem Herweg noch nicht aufgetreten waren.

Am 3.Dezember 55 hatten wiederum 10 Kameraden den Zugang zum Biwak II mit Seilen, Drahtleitern und Booten vorbereitet, damit eine Woche später die vielen Lastenträger schneller vorwärts kommen sollten. Sie wurden am Fuchsloch abgeschnitten und nach ein paar Tagen von Hugo und andern Kameraden befreit. Am 10.Dezember waren dann 30 Mann am Werk, um Ausrüstungen zum Biwak II zu tragen. Es regnete, man beeilte sich und war froh, morgens heil wieder draussen zu sein.

Am 26.12.55 begaben sich unser 10 Forscher zum Biwak II. Mir gefiel stets, wenn ein scharfer Wind bergeinwärts blies. In der Höhle herrscht ganzjährig die Mittlere Jahrestemperatur der Aussenwelt, hier etwa 6 Grad. Bekanntlich steigt warme Luft, und wenn die Höhlenluft von 6 Grad eben kräftig einwärts weht, heisst es dass es "oben" kälter ist, also gefroren oder schneebedeckt. Man ist von einem Schnee- und Eispanzer vor Wassereinbrüchen geschützt.

Mir gefiel nicht, dass der Wind heute am Auswärts-Zäuseln war. Das müsste ja bedeuten, dass in der durchschnittlichen Höhe der oberen Lufteingänge - also vielleicht um 2000 m - eine Aussentemperatur um 6 Grad herrschen müsse, was Föhneinbruch und Schneeschmelze, Wassereinbruch verstärkt durch anschliessenden Regen zur Folge haben müsste, denn bei so viel Wärme schmilzt der Schutzpanzer weg. Aber wer wird schon gern als Angsthas verlacht und ein jahrelang geplantes Vorhaben vereiteln, wenn es schon richtig angelaufen ist.

Am 27. gings an die Arbeit, geplant als Trainingstag. Hugo Nünlist, Heinz Kuhn und ich kletterten zum Bucherstollen, der Male von Stauungen und Pressluftblasen in der Decke zeigte. Die zwei "Sandkammern" waren durch eine zu knappe Druckröhre verbunden. In Die Alpen Zeitschrift des Schweizer Alpenclub XXXI-1955 S.217 f. schrieb Hugo Nünlist dazu: "Beim Buchergang verzeichnete die Gruppe Schönbächler/Hegnauer/Nünlist einen schönen Erfolg. Wir hatten das Jahr zuvor hinter der Ersten Sandkammer in einer 25-30 cm hohen Druckröhre wegen eines Felsriegels verzichtet. Um ihn wenigstens teilweise zu zerschlagen, nehmen wir einen Hammer mit. Trotzdem wagte ich nicht, mich kopfvoran unter dem Riegel durch in den nächsten Sandkessel hinabzuzwängen, denn der Rückzug blieb ungewiss. Nachdem Hegnauer die Kleider entleert und zum Teil ausgezogen hatte, keuchte er hindurch, und die Rückprobe gelang, wonach auch wir folgten. Ein Klettergang schraubte sich dann zu einem Schuttwinkel hinauf, wo sich Schönbächler durch ein Loch drückte, die Schlüsselstelle zur Hegnauerhalle, die sich zwischen Isisstollen und Galerie Rouge befindet, jedoch 100 m tiefer.


Die grössere Halle nannten meine Kameraden so wegen des mir vor einem Jahr gelungenen Durchbruchs (Hugo Nünlist, Abenteuer im Hölloch, Huber Verlag Frauenfeld 1960, S.166; Die Alpen Zeitschrift des Schweizer Alpenclub XXXI-1955 S.219 Höhlenplan von Prof.Dr.A.Bögli und andere). Von hier aus gähnt ein Schacht aus unbekannter Tiefe, da der Aufprall geworfener Teststeine kaum mehr gehört werden konnte. Die Einmündung gleicht rundum einem konvexen Trichter, von Tonnen von rutschigem Blockschutt besetzt, den wir wegen Verschüttungsgefahr kaum zu berühren wagten. Solang ich in der Forschung aktiv mitarbeitete, und das waren noch Jahre, überlegte ich mir vergeblich mögliche Vorgehenstechniken. Auch spätere Erkundungstouren verliefen ergebnislos. Und, weiss Pluto, behält die Hegauerhalle heute noch ihr Geheimnis... Doch im Augenblick spannender ist ein neuer Bach, der durch den vorher trockenen Steilgang hinunterschiesst zu den Sandkammern. Zum Glück kommen wir noch durch und erreichen nach 12 Stunden heil das Biwak II.

(mehr unter www.swissfot.ch/htm_public_d/basis/Presse-Das_Geheimnis_der_Hegnauerhalle.HTM ,

Fortsetzung www.swissfot.ch/htm_public_d/basis/Presse-10Stunden_Todesflucht_vor_dem_Wasserteufel.HTM )


Otto Hegnauer
www.swissfot.ch

 

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