Der frischverheiratete Rhein |
| Datum: December 25, 2008 09:28:34 PM |
| Autor: Otto Hegnauer |
| Kategorie: Touristik: Reiseberichte |
Der von Chur kommende Verkehrsweg teilte sich in Domat-Ems. Ein Zweig führte nach Süden, durch die Felsenge des Crap Taglieu am Hinterrhein entlang ins Domleschg und weiter zum Splügen- und Bernhardinopass, der andere über die Rheinbrücke Punt Arsa ins Dorf Tamins und weiter nach Westen, zu den Pässen Lukmanier und Oberalp.Im 14.Jh., als der Fernverkehr über die Bündner Alpenpässe deutlich zunahm, wurde die Wegscheide von "Oberlandstrass" und "Untere Strass" von Domat-Ems hieher verlegt, und es wurden zwei Brücken und ein Zollhaus erbaut. Dies an der strategisch günstigsten Stelle, wo der gesamte Verkehr kontrolliert und besteuert werden konnte. Die "Zollbrugg" überquert den Rhein an seiner engsten Stelle. Der Übergang erfuhr wegen Bränden und Hochwasserschäden immer wieder Veränderungen und Verlegungen. Hier bestand bereits ein Schloss der Herren von Werdenberg-Heiligenberg. Seit 1470 wird die Untere Strass Richtung Domleschg über die unmittelbar benachbarte Vorderrheinbrücke geführt, die Eisenbrücke stammt von 1889. 1568 kam das Schloss Reichenau in den Besitz des Johann von Planta, 1572 der Familie von Schauenstein. Zu dieser Zeit bestand bereits auch eine Gaststätte. Im 17.Jh. kam ein Herrschaftsgebäude mit mehreren Flügeln und Ökonomiegebäuden dazu, das 1792 von J.B.Tscharner zur philantropischen Erziehungsanstalt ausgebaut wurde. In dieser wirkte 1793/94 der nachmalige König Ludwig Philipp von Frankreich, der damals flüchtige Herzog von Chartres, als Französischlehrer unter dem Pseudonym Monsieur Chabos. 1896 wurde die Bahn mit der Station Reichenau gebaut, auch sie gabelt sich hier zur Vorder- und Hinterrhein-Bahnlinie. Beide Linien passieren die Hinterrheinbrücke vor ihrer Verzweigung. Heute zwängen sich Eisenbahn, Dorfstrasse, Kantonsstrasse und Autobahn gemeinsam durch den engen Flaschenhals zwischen Rhein und Ils Aults. In neuerer Zeit wurde die Verzweigung der Rheintal- und der Flimserstrasse etwas vorverlegt und für die Flimserstrasse ein neuer Viadukt über den Rhein gebaut (siehe Bild), sodass Reichenau umfahren und auch vom Flimser Verkehr entlastet wird. Für die Autobahn nach dem San Bernardino - Tunnel - Italien war die Umfahrung Reichenau schon früher realisiert, indem die Autobahn nach Süden umbiegt und durch Tunnels das Domleschg erreicht. Zusammen mit den nahen Abzweigungen zum Kunkelspass (Tamins) und zur rechtsufrigen Vorderrheinstrasse nach Versam - Ilanz (Bonaduz) ist die Region ein 7-facher Verkehrsknotenpunkt. Im Brennpunkt des Reichenauer Verkehrsknotens gibt es eine Merkwürdigkeit, die viele Neugierige anzieht: eine Reihe von Kornkreisen. Dies sind in der Landschaft meist in Scharen auftretende Kreise von einigen Metern Durchmesser. Die hier sind auch von der erhöhten Flimserstrasse aus oder aus der Luft erkennbar. Die Entstehung solcher Geoglyphen ist unbekannt und umstritten. Die natürlichen Erklärungen wie Pilzgeflechte, Wirbelwinde, Magnetismus, Morphogenese, gentechnische Veränderungen, Botschaften unbekannter Mächte (zB. Ausserirdische), kollektive Intelligenz von Pflanzen und mehr werden von Wissenschaftern meist abgelehnt, die eher an Lausbubenstreiche glauben. Ich selber habe die Reichenauer Kornkreise nicht in Natura gesehen. Das dominanteste an dieser Wegscheide, auch im Bild, ist aber der Rhein. Vorder- und Hinterrhein sind gerade zusammengeströmt, haben die Talengen des Domleschg beziehungsweise des Flimser Bergsturzes/Ruinaulta hinter sich und streben nun gemeinsam und gemächlich als Alpenrhein durch das rasch breiter werdende Tal abwärts, Richtung Chur und Bodensee. Eine Schweizer Redensart ist es, "Wasser in den Rhein zu tragen", wenn man etwas äufnet, was schon im Überfluss vorhanden ist. Und hier muss man wahrlich kein Wasser mehr in den Rhein tragen. Allerdings ist der frischverheiratete Rhein nicht nur durch den Familienzuwachs so mächtig geworden, nein, der Aufstau durchs Kraftwerk Domat-Ems wirkt sich bereits bis hieher aus. Die gewaltigen Speicherwerke der Vorder- und Hinterrheins mit ihren eindrücklichen Staumauern, den prächtigen Speicherseen, den unterirdischen Tunnelsystemen und imposanten Hochdruckleitungen sind für den Rhein hier endgültig Vergangenheit, und nachdem das Wasser über die gewaltigen Kraftwerktreppen schon mehrmals genutzt wurde, beginnt es hier seine lange, gemächliche Reise über 1000 km zur Nordsee. Unterwegs werden seine Wassermassen nochmals in über einem Dutzend Niederdruck-Flusskraftwerken genutzt, bis dies wegen der Schiffahrt nicht mehr möglich ist. Für die Rheinfische wurden mächtige Fischtreppen, für die Schiffahrt anfänglich Rampen und später Schleusenanlagen gebaut. Mit Ausnahme des Rheinfalls bei Schaffhausen muss der Strom mit keinen wesentlichen Störungen mehr rechnen. Wir schicken in einer leeren Flasche Valserwasser per Flaschenpost einen Postkartengruss aus dem Bündnerland, ob er wohl unten in Holland ankommt ? Gute Reise ! Mehr und Links dazu in www.swissfot.ch/htm_public_d/basis/7/11.htm aus dem www.swissfot.ch/htm_public_d/basis/7/00-Inhalt.htm "Album Graubünden" . Otto Hegnauer www.swissfot.ch |
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