Kinder verhungern wie in Afrika Nun ist es gewiss. Der Hunger grassiert auch in Haïti. Auch hier sterben Kinder vor Hunger. Keine Flugstunde südwestlich des Landes, wo jeder Mensch 1400-mal sein Eigengewicht, darunter drei Ochsen und mehrere hundert Hühner verzehrt, wo es für jeden Lebensmittel im Überfluss gibt und diese sogar weggeworfen oder aus Marketinggründen vernichtet werden, wo Fettsucht, Diabetes und Bluthochdruck das Leben bedrohen und wo sich drei von vier Frauen zu dick fühlen, jede vierte es tatsächlich auch ist. Bisher kannte man nur die Fälle der Mittellosen, die in der Millionenstadt die Abfallberge nach etwas Essbarem durchsuchen, der Jungen, die beim Betteln den Hunger vorschützen, der Kinder, die in den Bidonvilles Schlamm und Unrat verzehren. Das alles wurde medienbekannt. Aber in diesen Tagen, so hörte man in den Medien, wurden auch verhungerte Kinder entdeckt. Die zu Dutzenden gestorben sind. Dies nicht mehr in den Bidonvilles, nein auf dem Lande. Hier hatte ich stets noch an die Möglichkeit der Selbstversorgung geglaubt. Ich habe mich getäuscht. Baie d'Orange ist eine Bergregion nahe Belle Anse im Südosten Haïtis, von etwa 8000 Personen bewohnt, ganz nahe von Seguin und dem Nationalpark La Visite. Die Gegend ist verkarstet, die wenigen Äckerlein in den Dolinen müssen dem Boden mühsam abgerungen werden, das Wasser versinkt sofort in seine unterirdischen Abläufe. Die Zyklonen Fay, Gustav, Hanna et Ike zerstörten bei ihrem mörderischen Durchzug den Rest der ohnehin schon mageren Ernten. In der Gegend gibt es weder bezahlte Arbeit noch einen Laden, der Markt liegt viele Fussstunden weit weg, und er ist leer und verwaist. Von extremster Armut gegeisselt, haben die Familien nichts mehr um die Kinder zu ernähren. Eine Mutter klagte: "Unsere Kinder sterben vor unseren Augen und wir sind machtlos, wir können sie nicht mehr ernähren." Letzte Woche fanden die Helfer vier leblose Körper von Kindern unter 7 Jahren, die offensichtlich mehrere Tage nichts mehr gegessen hatten. Zwei andere sind am Dienstag in den Armen der Ärzte gestorben, die gekommen waren um ihnen zu helfen. Alle Kinder leiden an Unterernährung, und bei einem Besuch der MINUSTAH (United Nations Stabilization Mission In Haïti) am 21.November fand man 26 Leichen von bereits verhungerten Kindern. Die Katastrophe wurde damit endlich medien- und weltweit bekannt, und die Sektion Kanada der Ärzte ohne Grenzen wurde aktiv. 60 weitere Kinder wurden abgemagert, das Gesicht farblos, die Haare rötlich, die Füsse aufgebläht in einem Zustand akuter, teils lebensgefährlicher Unterernährung mit Helikoptern in die Spitäler von Jacmel, Cayes und Cité Soleil evakuiert. Nach ersten Diagnosen leiden die meisten zusätzlich an Marasmus und Malaria. Vom Hunger sind natürlich auch die Erwachsenen betroffen. Als Ersthilfe hat man mit Helikoptern Milchpulver, eiweisshaltige Nahrungsmittel und Medikamente in das gebeutelte Bergland geschickt. Es ist zu befürchten dass man in anderen entlegegen Regionen noch viel mehr Leichen entdecken wird. Ich kann leider zum Problem nicht mehr beitragen, als dieses mit diesem kleinen Beitrag im deutschen Sprachgebiet bekannter zu machen. (französische Informationen unter
www.google.ht/search?hl=de&q=baie+d%27orange&btnG=Google-Suche&lr=
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