Das zauberhafte Seelein wurde ins Bundesinventar der Schweizer Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgenommen. Es ist nur 500 m lang und 100 m breit. Niemand würde beim Anblick des stillen, verträumten Kleinods glauben, dass dies der Muttermund des längsten Nordseezuflusses und einer der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt ist. Der Abfluss heisst Tomarhein (Rein da Tuma) und ist das Rhein-Baby, daraus wird später der Vorderrhein, daraus der Alpenrhein bis zum Bodensee, der vom Seerhein unterbrochen wird, dann folgen Hochrhein, Oberrhein, Mittelrhein, Niederrhein und schliesslich das Delta. Nach 1324 km strömt der Rhein in die Nordsee, 883 Rhein-Kilometer werden von der Großschifffahrt genutzt. "Baby Rhein" ist zum "Vater Rhein" geworden. Baby Tomarhein erhält Zuzug aus acht ebenbürtigen Brüdern, die alle länger sind als der Rein da Tuma samt seiner Zuflüsse. Sie stammen aus 70-80 km langen südlichen Seitentälern und sind weniger bekannt, zum Beispiel Rein da Maighels, Rein da Curnera, Rein da Nalps und Rein da Medel. Der Vorderrhein, im einheimischen Sursilvan "Rein Anteriur", durchfliesst in ostnordöstlicher Richtung das Alpenlängs-Haupttal, das zuerst Surselva heisst, hinunter bis zum Rheinknie bei Landquart. Die Nordflanke des asymmetrischen Vorderrheintals ist steil mit kurzen Quertälern, die Südseite verläuft flacher mit längeren Seitentälern. Dementsprechend münden die wichtigsten Zuflüsse Rein da Sumvitg, Glogn/Glenner und Rabiusa alle von Süden her ein. In seinem Unterlauf durchfliesst der Vorderrhein die seit 10'000 Jahren im Flimser Bergsturzschutt von Wasser und Wetter modellierte grandiose Landschaft der Ruinaulta. Bei Tamins vereinigt sich der Vorderrhein mit dem Hinterrhein zum Alpenrhein. Wenig nördlich liegt etwas tiefer die Passhöhe des Oberalp-Passes, romanisch Alpsu (2046 m). Von hier aus blicken wir Richtung Rheintal. Der Pass folgt der riesigen inneralpinen Längsfurche, die geologisch durch das Tavetscher Zwischenmassiv vorgezeichnet ist. Er verbindet die Ortschaften Sedrun in Graubünden mit Andermatt im Kanton Uri miteinander. Die Matterhorn-Gotthard-Bahn überquert die Passhöhe als eine der wenigen Bahnstrecken der Schweiz, die in solcher Höhe ohne längeren Tunnel auskommt. Die Passstrasse ist im Winter wegen Lawinen geschlossen. Während dieser Zeit kann die Strecke mittels Autoverlad von Andermatt nach Sedrun benützt werden. Die Fahrtdauer beträgt etwa eine Stunde. Hinter der Passhöhe beginnt die Steilstufe zum ersten Talboden von Tschamutt, nach weiteren Stufen folgen die Becken von Selva, Tavetsch, Surselva und Oberland. Das Vorderrheintal ist eine geschlossene, tiefe Furche zwischen 3000 m hohen Gipfelfluren mit kurzen Wildbach-Quertälern, die im Norden kürzer sind (4-6 km) als im Süden (7-16 km). Im Norden führt das Val Strem, im Süden das Medelsertal zu alpinen Querpässen, letzteres über eine Autostrasse zum Lukmanierpass. Geologisch-tektonisch ist die Gegend besonders interessant da stark gestört. Das Tavetsch bildete sich in dem für Erosion und Verwitterung anfälligen Tavetscher Zwischenmassiv, bestehend aus zerquetschten Schiefern und Gneisen. Das Tavetscher Zwischenmassiv ist eingeklemmt zwischen dem granitischen Aaremassiv im Norden und dem gneissenen Gotthardmassiv im Süden. Tal und Passhöhe folgen der grossen inneralpinen Längsfurche Rhone-Urseren-Rhein, die auch die längsalpine Verkehrsachse vorzeichnete. Die Passhöhe stellt den östlichen Kulminationspunkt dieser Furche dar, der westliche ist der Furkapass. Sie entstand als eiszeitlicher Transfluenzpass des Gotthard-Reussgletschers vom Urseren- ins Rheintal geformt. Fast alle Alpenpässe wurden so gebildet und weisen übereinstimmende Formelemente auf, wie ein Seilkurven-Querprofil, in einer vom Gletscher übertieften Felswanne ein Passhöhen-See, im Umfeld gerundete Felsköpfe und Schafbuckel, Rundhöcker und Schliffspuren beziehungsweiseGletscherschliffe. Nebst den geomorphologischen Formelementen gehören zu einer typischen Passlandschaft natürlch ein Gasthaus mit Touristenkiosken, früher ein Hospiz mit Pferdestallungen, Futterscheunen und Hilfsgebäuden, manchmal wie hier militärisch-strategische Gebäude, kommunikationstechnische Bauten, Werkhof, Lawinengalerien und Schutzbauten, oft ein Scheiteltunnel und hier eine Bahnstation mit Unterhaltsbauten, daneben Skilifts und Wintersporthilfsmittel. Die Oberalpbahn wurde 1914 als Touristenbahn fertiggestellt, konnte aber aus finanziellen Gründen den Betrieb erst 1926 aufnehmen. Sehr berühmt wurde der Glacier-Express, der St.Moritz über Oberalp - Furka direkt mit Zermatt verbindet. Die Schweizer Gebirgsbahn mit ihren klimatisierten Panoramawagen fährt in 7 1/2- Stunden Bahnfahrt über 291 Brücken und durch 91 Tunnels von St. Moritz nach Zermatt oder umgekehrt, vom Piz Bernina zum Matterhorn. Diese Panoramafahrt mit dem langsamsten Schnellzug der Welt durch die Hochalpen im Herzen der Schweiz ist ein ganz besonderes Erlebnis, das jeder Schweizer und jeder Besucher der Schweiz mindestens einmal erfahren haben sollte. Als ich noch in der Schweiz lebte, hatte ich diese Fahrt oder auch diejenige mit der Rhätischen Bahn von Chur - Albula - Bernina nach Chiavenna, ebenfalls mit Panoramawagen, fast immer meinen Gästen offeriert und uns damit eine bleibende Erinnerung geschaffen. (Mehr und Links dazu in
www.swissfot.ch/htm_public_d/basis/7/19.htm und www.swissfot.ch/htm_public_d/basis/artikel.htm "Andere Artikel") Otto Hegnauer www.swissfot.ch |