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Fast gewassert

Datum: November 16, 2008 01:11:03 PM
Autor: Otto Hegnauer
Kategorie: Verschiedenes: Weltweit

Ich bin bald 80 und habe nun Zeit, aus meinem Leben zu erzählen. Ich lebte still und "heimlifeiss" (das ist schweizerdeutsch), nicht einmal meine Eltern haben von meinen Erlebnissen erfahren, sie hätten sich zu sehr gesorgt. Im Gegensatz zu den "Nonvaleurs" war es diesmal ein kostspieliger Spass, auf den wir lange gespart hatten.

Er war das Vermögen wert, das er jeden gekostet hatte. Wir waren eine Handvoll ehemalige Flugschüler mit ihrem Fluglehrer Koni, die in Frankfurt (wo es billiger war) eine Maschine gemietet hatten und zum Afrikaflug starteten. Schon die fliegerischen Erlebnisse übertrafen sich, von der Querlandung in einem Sandsturm bis zu den Polizisten, die mit schmutzigen Fingern die Tampons unserer wutentbrannten Damen öffneten und fragten, wozu denn das diene. Sie glaubten das sei Drogenzeug zerstörten alles. Dann schikanierten sie uns wegen eines angeblich fehlenden Stempels zu Fuss vom Flugplatz zum Hotel, uns per Motorrad eskortierend, wo wir Hausarrest hatten.

Der nächtliche Wegflug gelang Koni unter einer List, und unter den Kugeln des Militärs. Diese Flugplätze hatten es in sich, einige waren unbesetzt, und man umkurvte zuerst einigemal das Hotel, um sich bemerkbar zu machen - so kam dann schon jemand, um uns zu holen. Von einer der Wüstenpisten mussten erst im Tiefflug die Herden verjagt werden, auf einer anderen bewarfen uns Affen während der Landung mit Steinen. Ein Erlebnis waren Landschaften, so die Geisterformationen, Steinbögen und Canyons des Hoggar oder Tassili im Tiefflug. Wir erklommen auch den ab Meereshöhe steil auf 4095 m aufsteigenden Mount Cameroon und liessen uns durch den Anblick der Rumsiki-Berge verzücken, wo bodenlose Canyons mit Zigarrenbergen gähnen, dünn wie Säulen, senkrecht, hunderte von Metern hoch, unersteigbar, grandios.

In der Nähe thronte der König der Mandara, dessen Schloss auf einer schroffen Bergspitze lag, und in dessen Mauern hunderte von jungen Frauen lebten, jede mit drei Hütten mit Kegeldach aus Stroh. Der König hatte die Gewohnheit, aus jedem seiner Stämme die Schönste zu heiraten. "Aber wo sind die Älteren, es gibt ja nur Junge hier ?" fragte ich meinen Lokalführer. "Il les chasses" (er jagt sie zum Teufel), lautete die lakonische Antwort. Der König selbst bewohnte in der Mitte des Burgdorfs den einzigen mehrstöckigen Turm. Er zeigte uns voll Stolz seine Gemächer voll alter Gewehre. Draussen stampften die jungen Frauen singend und tanzend ihre grossen, hölzernen Mörser.

An Tiererlebnissen fehlte es nicht. Manchmal waren sie gefährlich, von der Wespenwolke in Waza, vor der wir uns nur noch bäuchligs retten konnten, bis zum Löwen, den ich beim Anhalten des Landrovers beinahe aus dem Schlaf wachgetreten hatte - zum Glück reagierte er nur mit einem Grunzen. Unvergesslich der Ausflug mit Pygmäen in einer Pirogue in Äquatorial-Guinea, wo wir über einen Märchenfluss tief in den Dschungel eindrangen. Dort verloren wir den Motor und konnten ihn nicht wieder ertauchen. Das Rudern zurück war mühsam. - Wir glaubten, "alles" erlebt zu haben - aber es kam noch besser.

Es war Sonntagmorgen, der letzte Flug, heading Zurich nonstop. Die Filme gefüllt zum Bersten, die Köpfe überladen mit Eindrücken, die Maschine mit Souvenirs. Unter uns schillerte fahlgrau das Mittelmeer, man sah ihm die Februarkälte an. Da geschah es. Pilot und Kopilotin wurden sichtbar nervös und trieften vor Schweiss, hebelten im Cockpit umher, der Benzindruck fiel zusammen, wir hörten den Funkspruch des Maydays, dann das fahle Kommando "Schuhe aus, Schwimmweste an !" und die Feststellung, dass die Maschine die Höhe nicht halten konnte - sie war zu überladen, wohl auch schlecht geladen, nicht mehr den Regeln der "Lade-Enveloppe" folgend. Aus dem Flügel ein Schweif: Benzin dampfte aus einem lecken Tank ins Freie - wir waren schliesslich alles brevetierte Piloten, und niemand musste uns erklären, was das bedeutet. Das Benzin konnte jeden Moment Feuer fangen, die Maschine explodieren. Unsere Reaktionen waren verschieden, teils panikartig. Während Koni und die Kopilotin seine Freundin schweissüberströmt weiterhebelten, ohne Echos ins Leere funkten, machten die einen mit zittrigen Händen ihre letzten, wohl unscharfen Fotos, andere kritzelten ebenso zittrig etwas auf ein Papier, das Testament oder einen Abschiedsbrief, Anna neben mir riss vor Aufregung den Sitz aus den Nieten (ein spanischer Untersuchungsrichter glaubte nicht, dass man derartige Bärenkräfte entwickeln könne), und ich, ja ich muss gestehen - Tränen kollerten, und dachte "Schade, jetzt ist Schluss. Aber ich habe wenigstens gelebt in meinem allzu kurzen Leben, mehr hätte ich in der Zeit nicht erleben können", war traurig, aber dankbar. Ich dachte, wie kalt wohl das Wasser da unten sei, das immer näher kam, und wie manche Minute man da überleben könne, bis der Tod durch Unterkühlung einträte (es waren 10 Minuten, fanden wir später heraus). Und auch meine Handlungen waren unlogisch: ich spulte den letzten Film in der Minolta zurück und verstaute ihn in einer der Brusttaschen, den Pass - das wichtigste Dokument - in der anderen - im Falle der Wasserung wäre beides unbrauchbar geworden. Stundenlange Minuten.

Zwei Schutzengel flogen über uns, vorerst ohne dass wir das merkten. Der eine steuerte gütig unser Schicksal und machte, dass das Abenteuer gut ausging und niemand sein Leben verlor. Der andere war eine Verkehrsmaschine - ich weiss nicht mehr von welcher Airline - die hoch über uns gegen Afrika flog, unseren Notruf mit Positionsmeldung auffing, den Kurs änderte, mit Koni Funkkontakt herstellte und "Relais" machte, das heisst unsere Meldungen an die Flugdienste weiterleitete. - Land in Sicht - ob wir es wohl noch erreichen konnten ? Klippen und Berge - ob wir sie wohl noch zu überfliegen vermochten ? Und - oh Wunder: eine Betonpiste in Sicht, gleich hinter der Küste. Koni hatte den unbedienten Militärflugplatz auf der Karte gefunden und korrekt angeflogen - und schon landeten wir, glücklich, erleichtert und unversehrt.

Koni rollte beiseite, und kurz hinter uns landete eine zweite Maschine auf der Piste: der Schutzengel, die Verkehrsmaschine !
Das "Empfangskomitee" stand schon bereit, weitere Fahrzeuge rasten an, mit Blaulicht und Hörnergeschrei, Soldaten, Polizisten, Feuerwehr, Ambulanzen und sogar Hunde. Denn Spanien wurde ja damals durch Terroristen heimgesucht, und wir waren vorerst nichts als verdächtig. Immerhin zirkulierte ein Arzt mit einer Spritze und befragte uns, ob wir uns alle wohlfühlen, ob jemand verletzt sei oder Hilfe brauche. Auch der Kapitän unseres Schutzengels kam liebenswürdig vorbei, begrüsste alle und erkundigte sich nach unserem Wohlergehen, um dann gleich wieder wegzustarten, einmal ohne "Ready for Take-Off", Clearance und Tower.

Es folgten stundenlange Verhöre und Interviews, ich weiss nicht mehr, wie das funktionierte - denn niemand von uns sprach spanisch. Ich weiss nur noch, dass die Leute immer freundlicher wurden und sich die Schwerbewaffneten allmählich zurückzogen. Schliesslich wurden wir, todmüde und immer noch schockiert, in Taxis zu einem Hotel gebracht. Endlich wieder einmal an einer Bar. Wir wurden wie Helden behandelt, jetzt und die ganze Woche. Harte Drinks ad libitum und - wie wir später entdeckten, alle gespendet. Natürlich suchte jeder von uns mal seine Telefonkontakte, meist mit der Familie und dem Arbeitgeber in der Schweiz. Ich vergesse nie mehr, wie ich meinem Chef telefonierte, am letzten Tag meiner ohnehin allzulangen Ferien, ich sässe wegen Notlandung in Spanien fest und könne morgen leider nicht zur Arbeit erscheinen - Näheres folge sobald bekannt. Wer hätte eine solche Geschichte wohl auch geglaubt. Auch er glaubte mir die Schauergeschichte nicht und denkt vielleicht noch heute, das ganze sei inszeniert gewesen um die Ferien zu verlängern. - Wir lebten in dem Hotel länger als erhofft, die ganze Woche lang, unter besten Konditionen. Für allfälligen Augang war uns ein Taxi reserviert. Aber wir hatten nur freien Lokalrayon, hatten uns für behördliche Aktionen zur Verfügung zu halten. Aber es war niemand um Ausgang zumut. Die Untersuchungen zogen sich hin. Es wurde ein Benzinleitungsbruch als Ursache ermittelt. Die Leitung war wegen Vibrationen gebrochen, verursacht durch eine gebrochene Niete. Sie war angeblich letztmals an einer Generalüberholung in der Werft von Douala (Kamerun) kontrolliert worden. Weitere Nachforschungen waren Sache der Versicherungen. Was uns betraf, war der Entscheid des spanischen Luftamtes, die Benzinleitung dürfe notdürftig repariert werden (durch den örtlichen Goldschmied gelötet aber vom Luftamt kontrolliert), die Maschine dürfe aber nicht mehr für Passagierflug eingesetzt werden. Es gab eine beschränkte Flugbewilligung für Koni und den Rückflug nach Frankfurt allein.

So blieb uns nichts anderes übrig, als uns nach dem nächsten Flughafen und Linienflug nach der Schweiz zu erkundigen und zu buchen. Es war Samstag, als uns morgens vor dem Hotel ein Bus erwartete und uns auf einen Flughafen brachte. Zum letztenmal versuchten wir unser umfangreiches Übergepäck ohne allzuviel Kosten aufs Flugzeug zu bringen, und mit einwöchiger Verspätung erreichten wir Zürich.

Mehr unter www.swissfot.ch/htm_public_d/basis/Presse-Fast_gewassert.HTM
Otto Hegnauer
www.swissfot.ch

 

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