Haïti ist in Bewegung, auch tektonisch. Neben den Erdbeben gibt es die Hebung des Azüey-Sees (Indianername) oder Étang Saumâtre auf der haïtianischen Seite der Grenze zur Dominikanischen Republik. Der See ist ein Überrest einer ehemaligen Meeresstrasse, die Hispaniola vor einer Million Jahren in zwei Inseln geteilt hatte. Er ist der grösste See des Landes und besteht aus Salzwasser, wie es sich für einen Meeresrest gehört. Der haïtianische Azüey-See ist 29 km lang, bis zu 10 km breit und bedeckt 170 km². Es sollen hier immer noch 100 Arten von Wasservögeln leben, Flamingos und Amerikanische Krokodile, aber sie scheinen sich sehr zu verstecken - ich habe jedenfalls noch nie etwas davon gesehen. Die Erde atmet. Sie hebt und senkt sich, manchmal mit Beben rumorend, manchmal sich still und langsam wie der Brustkorb eines schlafenden Riesen. In letzter Zeit atmet der Riese nur noch ein, nicht mehr aus. Die andauernde Hebung des Azüey-Sees ist zu einem Problem geworden. Die stark befahrene Hauptstrasse von Port-au-Prince nach Santo Domingo wird immer mehr überflutet, muss fortwährend aufgeschüttet und durch Erdwälle gesichert werden, Uferpflanzen ertrinken im steigenden Wasser, die Grenz- und Zollstationen liegen unter Wasser, die Zollgebäude auf der dominikanischen Seite mussten evakuiert und höher oben neu errichtet werden. Dorf und Markt stehen unter Wasser.
Hinter den neuen, provisorischen Zollgebäuden, die noch nicht im Wasser stehen, sind Baumaschinen parkiert. Sie sollen Felsbrocken und Schotter in ihre unersättlichen Rachen kratzen, diese Lasten ein paar Meter weit an den Rand der ertrinkenden Strasse tragen und sie in den Seerand spucken, um dessen ständige Ausdehnung einzudämmen. Aber der Azüey-See steigt und steigt. Geologen aus den Inselländern und aus dem Ausland versuchen das Phänomen zu erklären. Bisher vergeblich. Ich vermute, dass es eine tektonische Hebung ist. Solche Hebungen können aus vielen Gründen erfolgen, zum Beispiel kann das durch die Eisschmelze zunehmende Wassergewicht der Ozeane Schollen im Meer tiefer drücken was ausgleichsweise wie eine Hebelwaage eine andere Scholle "isostatisch" in die Höhe drückt. Hebungen und Senkungen der Schollen können auch ohne isostatische Störung durch Zusammenschub oder Streckung infolge Gebirgsbildung, Faltenzusammenschub, Bruchbildung, Bruchdehnung, Ausziehen tieferer Schichten und anderswie bewirkt werden. Auch Änderungen der Gleichgewichtsabplattung der Erde, astronomische Änderungen der Erdbewegung oder Verlagerungen der Erdachse und anderes mehr können Hebungen und Senkungen bewirken. Da liegen die Grenzorte Malpasse mit haïtianischer und Jimani mit dominikanischer Zollstation. Die Grenze bebt und zittert. Tektonisch, und politisch. Die beiden Inselstaaten sind fast dauernd im Clinch. Die Grenze wurde immer wieder geschlossen. Erst in diesen Tagen attackierten Dominikaner einen haïtianischen Bus, verletzten einen Passagier, demolierten Scheiben und verlangten Lösegeld. Ende Jahr war die Grenze für mehrere Tage blockiert. Otto Hegnauer www.swissfot.ch
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