Erlebnisse entstehen beim Fernsehen, beim Lesen, beim Träumen, als Phantasiegebilde im Kopf, und bei den meisten bleibt es dabei. Fussballsehen am Fernsehen erzeugt ja auch Mitfiebern, "WIR-Gefühl".
Auch ich habe in der Jugend viel gelesen: von Karl May, Afrikaforschern, Höhlenforschern - sie alle haben mich angeregt. Mein Umfeld empfand ich als langweilig, das musste ändern. Mit 10 gründete ich den "Globi Club Zugerrötel", Fotos erschienen in der damaligen Globi-Zeitschrift. Als 14jähriger veranstaltete ich - unterstützt vom Globi-Verlag - einen Kinder-Skitag, besucht von Hunderten aus dem ganzen Land. Mit 12 - es war Krieg rundum - gründete ich die "Jugend-Tierschutzgruppe". Sie baute und platzierte Nistkästen, und mit 15 veranstaltete ich das erste "Jugend-Tierschutzlager", dem bis heute jährlich weitere folgten (siehe " www.sjt.ch ") !
Ich war aktiver Pfadfinder - das Pfadfinderleben brachte mir Abenteuer. Ich suchte auch Kontakte zu exotischen Freunden und Freundinnen, denen ich teils die Schweiz, auch die unterirdische, zeigen durfte. Indessen hatten mich Höhlengeschichten angesteckt. Aus einer Chronik über das Erdmännliloch auf der Baarburg, dann eine aus der Globi-Zeitschrift über das Mamilchsloch am Thunersee. Mit einem Schulfreund radelte ich hin um das Loch zu suchen. Es waren gerade Ferien, und so blieben wir eine ganze Woche. Wir stellten die Velos ein und suchten alle Höhlen am Sigriswilergrat, im Seefeld und Hohgantgebiet. Jede Nacht schliefen wir in einer anderen Höhle, verpflegen konnten wir uns kostenlos auf den benachbarten Alpen. Eine Dissertation von Paul Egli machte mich auf das "Hölloch" im Muotatal aufmerksam; ich hatte kaum Zeit zum Lesen. Ich brauchte meine Zeit zum Erleben. Der damalige Höhlenplan wies Gänge von 3,5 km Länge aus. Ich suchte Kontakt mit der Forschungsgruppe Hölloch von Hugo Nünlist. Am 18. Geburtstag durfte ich erstmals an den Forschungen teilnehmen; an diesem Tag entstand das in "Die Alpen" (1951 S.153 Abb.6) publizierte Foto, das mich als 18Jähriger stemmend im "Schlossgang" zeigt. Stufe Zwei hatte begonnen. Während Jahren war ich in der Höllochforschung aktiv - jährlich in den "Alpen" und später in Hölloch-Büchern dokumentiert. Ich durfte die Erforschung des damals weltgrössten Höhlensystems über 280 km neu entdeckter Gänge miterleben. Gelegentlich waren wir tagelang vom Hochwasser eingeschlossen. Aber es gab auch andere exotische Erlebnisse. Zuhause trieb ich es auch exotisch. Ich pflegte und beobachtete jahrelang, wohl zum Leidwesen meiner Eltern, allerlei garstiges Getier, von Fischen, Skorpionen und Vogelspinnen bis zu Gift- und Riesenschlangen. Mein Hobby wurde Tierfilmen. Ich konnte tagelang im aufgehängten Versteck in einer Felswand ausharren, bis die ausgeschlüpften Jungadler ausflogen. Prof. Burda hatte mich in ein Symposium gebeten, im Zoologischen Institut der Universität Zürich. Ich musste da über meine Beobachtungen am Adlerhorst, und die aufgezeichneten "Aktogramme" referieren. Er bat mich anschliessend, das Geschilderte unbedingt zu veröffentlichen, doch das bedeutete mir nichts. Auch Geld bedeutete mir wenig, alles musste "kostenlos" funktionieren. Meine Jahre im Nationalpark gehören zu den tiefstbezahlten aber intensivsterlebten meines Lebens. Vom Nationalfonds erhielt ich 6 Franken Taggeld. Das reichte nicht einmal um die Miete meiner Wohnung zu begleichen, die ich ja "durchhalten" wollte. Aber die Zeit gehört zu den "Hoch-Zeiten" meines Lebens. Da war mal die Aufgabe selbst: In einem Projekt der Ethologie (Verhaltensforschung) das Verhalten der Hirsche filmisch zu dokumentieren. Und dann das Leben in unberührter Natur, das Leben in den normalerweise verschlossenen Parkhütten, die sonst verbotene vollkommene Bewegungsfreiheit im Nationalpark, oft mit einer kleinen Forschergruppe aber auch wochenlng völlig allein - höchstens mal einem Grenzwächter oder Schmuggler begegnend. Eine Hoch-Zeit war auch eine meiner Nächte unter sternklarem Himmel, unter einer Arve, weit unter mir das stundenlange urtümliche Röhren der Brufthirsche. Vielleicht die schönste Nacht meines Lebens (die Frauen mögen mir verzeihen). Mit 20 entdeckte ich Afrika. Per Autostop reiste ich mit einem Kollegen über Spanien-Portugal nach Marokko bis in Gegenden, wo noch keine Glasfenster existierten. Die erlebten Abenteuer wären allein "ein Buch" wert - und ich war sicher, wieder nach Afrika zu fahren, aber besser ausgerüstet. Wie üblich waren wir ja nur mit einem Notgroschen losgefahren, der so gross sein musste, dass er zur Rückreise mit den billigsten Verkehrsmitteln reichte. Dies war irgendwo im Rifgebirge der Fall, wo wir schliesslich ohne einen Rappen Ausgaben gelandet waren. Wir hatten das grosse Glück, überall eingeladen zu werden. Per Busse, Fähre und Personenzüge ging es zurück, natürlich in der damals noch existierenden dritten Klasse, oft am Boden sitzend oder liegend. Fernsehen und Passiverleben bedeutete mir nichts. Ich wollte selber machen. Mein Ziel war es, Dokumentarfilme zu drehen, zuerst in Marokko. Ausländische Filmhochschulen, bei denen ich mich um Ausbildung bewarb, sagten mir ab, da für Schweizer in den nationalen Instituten kein Platz war. Das Fernsehen übernahm das Manco. Meine ersten Sporen verdiente ich mir im Fernsehstudio als Kabelträger und Dekorationsarbeiter allnächtlich ab, da ich tagsüber als Lehrer arbeitete. Eines Nachts liess mich der Programmdirektor kommen - zum Glück erwies sich meine Befürchtung als falsch, eine Rüge zu kassieren - und bot mir die Chance als Kameramann in einem Aussen-Kinderspielfilm zu wirken. Bei dem berühmten Gastregisseur lernte ich viel. In der Folge konnte ich der Programmdirektion meine Dokumentarfilmprojekte für Marokko vorschlagen. Es wurden daraus 16 Sendungen mit Lifepräsentation, und in der Folge drehte ich dort auch abendfüllende Kinofilme, zu denen mir das Fernsehen Koproduktion anbot. Die Kinofilme waren teuer, brachten aber auch etwas ein. Ich hatte das Pech, dass die Uraufführung des einen Films mit dem 6-Tagekrieg in Israel zusammenfiel. Ich musste die "Neutralität" der Schweizer erleben, denn arabische Themen waren plötzlich Tabou, und die Kinoveträge wurden anulliert. Einem Kino das sich nicht einschüchtern lassen wollte wurde Tumult und Brandschatzung angedroht. Der Totalvelust war perfekt. Was tut's. Habe Totalverluste gut überlebt, Filme, Crashs, Notlandungen, - eine Handvoll Nullen, dann wieder eine einzige - es wiederholt sich. Fast langweilig. Es soll Leute geben, die sich dafür umbringen. Ihr Lebensziel war die Anzahl der Nullen ! Stets ergaben sich neue Chancen. So offerierte mir Kuoni und SLV-Studienreisen einen Vertrag als Leiter von Abenteuerreisen, und jahrelang führte ich Lehrer carweise durch Marokko und die angrenzenden Gebiete, selbst an die Kriegsfront. Ähnliches passierte auch in anderen Ländern Afrikas. Dabei kam mir zugut, dass ich auch Geographie-Geologie studiert und unterrichtet hatte. Ich führte mehrmals Studiengruppen auf den Kilimandjaro und in die berühmten Tierreservate wie Serengeti, Ngorongoro und andere. Ich konnte mir jetzt auch Privattourismus leisten, bestieg nicht nur alle Hochgebirge des Kontinents, sondern lernte auf meinen rund 80 Reisen die meisten afrikanischen Länder kennen. Eine der unvergesslichsten Tracks war das Durchfliegen des "Schwarzen Kontinents" auf dem Meridian von Frankfurt nach Süden - im Tiefflug durch die Sahara - den Tschad - Kamerun bis nach Aequatorial-Guinea - und zurück, mit unzähligen Abenteuern. In den 60er und 70er Jahren amtete ich als Filmlehrer in der Migros-Klubschule. Und wie einst beim Fernsehen holte mich eines Abends der Direktor - wieder erwies sich meine Befürchtung als falsch, eine Rüge zu kassieren - und verriet mir, auf Konzernebene werde jemand gesucht der eine Medienstelle aufbauen könne, und ich sei da der gesuchte Mann. Ich ging hin, und der Vertrag kam zustande: 1981 bis 1994 durfte ich Neue Medien für die damals 80'000 weit verstreut wohnenden Mitarbeiter entwickeln. Schade, dass das Internet noch nicht bestand. In der Gruppe galt die Vorschrift, dass Kader mit 62 Jahren den Posten verlassen müssen. Auch ich wurde 62. Ich hatte indessen durch meine aus Haïti stammende Frau dieses neue Land kennen gelernt und hier ein Haus als Alterswohnsitz vorbereitet. Haïti war nochmals Karl May, Erlebnis, Abenteuer in Hülle und Fülle (siehe " www.swissfot.ch/HTM_public_d/Basis/haiti-kote-w-prale.htm "). Hier bin ich jetzt mit dem Internet, pflege meine Homepage " www.Swissfot.ch " und beginne wieder zu lesen - und hie und sogar zu schreiben !. Stufe Drei, das Nacherleben. Was lese ich ? - Es ist endlich Zeit ! - "Hugo Nünlist, Abenteuer im Hölloch" (Huber-Verlag Frauenfeld 1960), denn hier sind viele meiner Abenteuer von damals beschrieben. Für Leute, die nur lesen können. Ich jedoch bin privilegiert: denn ich habe sie e r - l e b t, und ich habe jetzt Zeit zum Lesen. Und kann n a c h - erleben ! Veröffentlicht am 11.10.2008 Otto Hegnauer www.swissfot.ch |