Goma liegt am Kivu-See. Ein Fahrer führte uns über Holperstrassen dem Westufer entlang, das hatte noch seine ursprüngliche Form, sie wurde erst durch die nachfolgenden Vulkanausbrüche verändert (siehe obigen Link). Die Landschaft war einzigartig, die Hütten der Eingeborenen auch. Besonders beeindruckte mich, wenn man aus unbekannter Ferne die ursprünglichen Rhythmen der Urwaldtrommeln hörte. Was sie wohl den Eingeweihten erzählten? Der Kivusee hatte mich schon als Junge wegen seiner bunten Fische interessiert, die ich schon in meinen Aquarien pflegen und bewundern durfte. Er ist 2.650 km² groß, 450 m tief und wird zur Tiefe hin immer gashaltiger, salziger und wärmer, dies wegen vulkanischer Quellen auf dem Seegrund. Da der Gehalt an giftigen und explosiven Gasen stets zunimmt, befürchtet man in den nächsten hundert Jahren eine Gaskatastrophe, bei der bis zu zwei Millionen Menschen ersticken könnten. Am Südende des Sees liegt Bukavu, eine Provinzhauptstadt mit 230'000 Einwohnern. In den Vororten leben noch einmal so viele Menschen. Die Stadt war immer wieder Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und Milizen, mit barbarischen Vergewaltigungen und Massakern. Im Stadthotel ruhten wir uns aus und bereiteten uns auf die Gorillas vor, die wir bald besuchen wollten. Das kleine, viertklassige Hotel war damals noch das einzige in der Stadt; hier sammelte man sich für Gorilla-Besuche. Es hatte sich bereits eine Reisegruppe eingefunden, der wir uns anschloessen. Mit dem Reiseleiter machte ich natürlich gebührend Bekanntschaft. Am nächsten Morgen erlitten wir aber noch einen Schock, den ich so wenig vergessen kann wie die ohrfeigenden Gorillas. Sie erinnern sich, dass das wertlose Kongo-Papiergeld ganze Koffern füllte, um transportiert werden zu können (www.swissfot.ch/htm_public_d/Basis/Presse-Zum_Ruwenzori_haben_wir_es_nicht_geschafft.htm
Zum Ruwenzori haben wir es nicht geschafft). Die Notenbündel der Reisegruppe waren in einem halbmetrigen Carton verpackt, und beim Einladen in die wartenden Landrover liess der Reiseleiter das ganze Geldpaket in der Eingangshalle liegen. Er merkte es erst nach einigen Kilometern, und wir rasten zurück nach Bukavu. Oh Wunder, die Millionen - ich glaube es waren damals Francs-CFA - lagen noch da! Es gibt keine besseren Wächter als Diebe! Das ganze Personal stand in der Hotelhalle und beobachtete das Paket, argwöhnisch dass ein Konkurrent das stehlen könnte. Jeder wollte ja selber der Glückliche sein und in einem unbeobachteten Moment mit dem Schatz veschwinden! Und so lag er noch da, und zur grossen Enttäuschung der Wächter-Diebe nahm ihn der rechtmässige Besitzer mit. Erleichtert fuhren wir über Urwaldpisten aufwärts in die Berge. Kinder boten am Strassenrand Äffchen feil, ich hätte so gerne eines gekauft - das war in der Schweiz unerschwinglich oder unmöglich. Aber ich dachte an die Transport- und Grenzübertritts-Probleme und verzichtete, in Erwartung "richtiger" Affen. So fuhren wir rund 50 km ostwärts zum Kahuzi-Biéga-Nationalpark. Dieser Park ist seit 1980 UNESCO-Weltnaturerbe. Er ist nach zwei erloschenen, rund 3000 m hohen Vulkanen benannt, dem Kahuzi und dem Biéga. Er ist von herrlichem, dichtem tropischem Regenwald bewachsen und beherbergt eine der letzten Populationen der Gorillas. Noch vor den kriegerischen Auseinandersetzungen der 90er Jahre schätzte man ihre Zahl auf 600 Individuen. Die Zählung von Ende 2004 ergab nur noch 168 Tiere. Der Park wurde von ruandischen Rebellen als Basis genutzt. Sie werden für Wilderei, Abholzung und illegalen Bergbau verantwortlich gemacht. In einer Lichtung wurden die Landrover abgestellt, und es ging zu Fuss weiter, steil aufwärts durch dichten Busch. Wieder das wohltönende, laute Dacken, Flöten, Gackern, Schirken, Schnarren, Singen, Tacken, Tschinken, Tschucken, Tsiepen und Zwitschern aus dem Blätterdach, das mich immer ans Einstimmen eines grossen Sinfonie-Orchesters vor dem Konzert erinnert. Mit dem Zeigefinger vor dem Mund bedeuten uns die Führer immer wieder, Sprechen und andere Geräusche zu vermeiden, und so pflügen wir uns in stummer Einerkolonne durch das Dickicht, bis wir an einer lichteren Stelle gestoppt werden und in Deckung gehen. Auf den Bäumen hoch über uns turnt langsam eine Gorilla-Familie und äugt neugierig auf uns herab. Die Wächter scheinen ihre Sprache zu verstehen, mindestens sprechen sie mit ihnen, und - oh Wunder - die Gorillas steigen allmählich, wohl aus Neugier, zu uns herab. Sie setzen sich rundum und schauen uns gelangweilt zu, hie und da einen Grashalm knickend und in der Nase bohrend, oder am Boden stochernd. Ich erhebe mich langsam und vorsichtig, wie ich das von den Tieraufnahmen gewöhnt bin, und nähere mich sehr langsam dem Familien-Oberhaupt. Der prächtige Silberrücken-Mann ist über zwei Meter hoch und lässt mich unter argwöhnischer Beobachtung gewähren. Ebenso unsere Wächter. Ich pirsche mich langsam immer näher, jedesmal eine neue Aufnahme knipsend. Ein Wunder, dass ich nicht auch mit den Gorillas zu sprechen beginne. Und schade, dass ich die Kleinbild-Dias nicht scannen kann, denn ich habe sie hier in Haïti wieder gefunden, und sie sind immer noch gut. Aber ich habe weder einen Projektor noch einen Dia-Scanner - vielleicht kann ich mich mal in den USA darum kümmern - dann würde ich die Karten-Aufnahme ersetzen. Halt, jetzt ist es dem Silbermann zu viel geworden, ich bin ihm zu nahe getreten - er erhebt sich und läuft zwei Schritte auf mich los, die Arme weit gespreizt und mit den Händen "Ohrfeigen" in die Luft schlagend, aber wir alle laufen bergwärts davon, so schnell es geht - die Wächter inbegriffen. Nein, von diesem Gorillamann wollte keiner eine Maulschelle kassieren, die könnte sogar tödlich sein. Aber zum Glück war der Silbermann gutmütig und wollte uns nur vertreiben, uns zeigen, wer hier der Meister ist. Die Gorillafrauen mit ihren Kindern schauten uns belustigt zu, und wir zogen uns vorsichtig zurück. Am nächsten Tag wollten wir von Bukavu über den Kivusee zurück nach Goma. Wir hatten zwei Fahrkarten erstanden und glaubten das genüge. Aber "ohalätz", da standen Hunderte wenn nicht Tausende an der Anlegestelle und belagerten die Einsteigebrücke, und an ein Durchkämpfen war nicht zu denken. So kehrten wir missmutig ins Hotel zurück und verlängerten unfreiwillig um einen Tag. Am nächsten Morgen standen wir schon im Dunkel der Nacht und mit örtlichem Helfer an der Reling - wir waren nicht allein, jedoch vor der breiten Masse, und sicherten uns einen Platz an Deck des alten Dampfers. Die Fahrt über den See, mit Halt auf der Insel und Hunderten von Händlern die sich in ihren Booten näherten, wäre eine eigene Geschichte wert. Drüben angekommen mussten wir vernehmen, dass Krieg in der Nähe war - alles war auf der Flucht, Flüge gab es keine mehr. Zum Glück hatten wir noch genügend Geld, um einen ebenfalls fliehenden Privatpiloten zu übereden, uns mitzunehmen. So kamen wir zu einem unvorhergesehenen Tiefflug ins Nachbarland Ruanda nach Kigali hinüber, wo wir nach einigen Tagen ein Ticket für die belgische Sabena nach Europa erhielten. Eine unvergessliche Reise hatte ein glückliches Ende genommen, und wir waren noch einmal ohne die Ohrfeigen vom Gorilla davongekommen. (siehe auch
www.swissfot.ch/htm_public_d/Basis/Artikel.htm Andere Kolumnen) Otto Hegnauer www.swissfot.ch |